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Lifestyle

Perfektionismus – Stärke und Schwäche zugleich

„Beschreiben Sie drei Stärken und drei Schwächen“
Meine Stärken: Kreativität, positives Denken und Perfektionismus
Meine Schwächen: Ungeduld, Verpeiltheit und Perfektionismus!

Wer kennt es nicht – die Frage nach Stärken und Schwächen… Neulich bekam ich die Frage gestellt: Behindert dich dein Perfektionismus in manchen Alltagssituationen? Ich konnte diese Frage in diesem Moment mit einem ganz schnellen JA beantworten, da ich gerade an diesem Tag wieder vor den Folgen meines „gescheiterten“ Perfektionismus stand.

Was ist „perfekt“?

„Perfekt“ – ein Wort was man so oft in den Mund nimmt, was aber so ein unfassbar bescheidenes Wort ist, wenn man es mal näher betrachtet. Was bedeutet denn perfekt? Ist perfekt nicht in Jedermanns Augen individuell? Hat nicht jeder eine andere Auffassung von diesem Zustand? Ist mein „noch nicht perfekt“ für meine Freundin nicht schon ihr „perfekt“? Ich glaube, dass dieser Begriff so unfassbar schwer greifbar ist, wodurch es auch unfassbar schwer ist jemand anderen in „seinem“ Perfektionismus zu verstehen.

Meine Auffassung von perfekt

Ich hatte glaube ich schon seit ich denken kann eine ziemlich hohe Anforderung von „perfekt“ an mich. Ich habe es schon als Kind gehasst, wenn in einem gemalten Bild von mir plötzlich ein Knick im Papier war. Wenn mir meine Schrift und die Anordnung von Skizzen nicht harmonisch erschien, habe ich die Seite kurzerhand komplett neu geschrieben. Habe ich ein Projekt begonnen, so habe ich es solange ausgearbeitet, bis es in meinen Augen perfekt war, ehe ich es irgendjemandem gezeigt habe. Da war ich konsequent – und bin es bis heute noch. Ich begutachte, analysiere und kritisiere mich stärker als jeden anderen.

Entweder ganz oder gar nicht …

Ich erinnere mich noch an ein Kunstprojekt in der Oberstufe, wo wir über die Osterferien die Aufgabe bekommen haben ein Stilleben (bestehend aus 2 Gegenständen) aus 3 verschiedenen Perspektiven zu zeichnen. 2 Wochen Osterferien verbrachte ich komplett an meinem Schreibtisch um drei täuschend echte Bleistiftskizze anzufertigen. Von einem Duden, mit einem Apfel davor – ausgearbeitet mit sämtlichen Details (Buchseiten, Schattenwurf, etc). Meine Eltern waren schon etwas empört, dass über die Ferien so ein riesen Projekt gefordert wurde – bis ich am ersten Tag nach den Ferien nach Hause kam und festgestellt hatte, dass lediglich grobe Skizzen gefordert waren und keine ausgearbeitete Zeichnung.
Das „lustige“ an der Geschichte: skizzieren war für mich nicht machbar – und ist es auch heute noch nicht. Eine „schnelle Krakelei“ widerstrebte mir damals, genauso wie heute. Ich brauchte ein „perfektes“ Ergebnis. Eine Skizze, die in meinen Augen aussah wie „Kindergekrakel“? Undenkbar. Da verbrachte ich lieber meine gesamte freie Zeit damit, die Aufgabe zu perfektionieren, als „unfertig“ abzugeben. Dass genau dieses „Unfertige“ aber die Aufgabe war … tja, das war das Problem. Denn damit wäre ich niemals zufrieden gewesen und niemals hätte ich einen Stand erreicht, den ich als „fertig“ akzeptiert hatte. Unnötig zu sagen, dass ich alle anderen Skizzen meiner Schuldfreunde wunderschön und perfekt fand…

Mein Perfektionismus lässt mich Ziele erreichen

Mein Perfektionismus betrifft allerdings bei weitem nicht mein „ganzes“ Leben. Ich muss hier ganz klar sagen, dass es bei gewissen Themen für mich völlig okay ist, wenn ich sie nur „gut“ oder „ausreichend“ mache. Ich bin niemand, der sich selber als perfekt hinstellt. Im Gegenteil. Ich habe Schwächen – ziemlich viele sogar – und schäme mich nicht dafür diese auszusprechen! Allgemeinwissen gehört dazu. Politik und Geschichte ein absolutes Graus. Erdkunde die Hölle …

Bei mir wichtigen Dingen, Sachen die mir Spaß machen und in denen ich gut sein möchte, habe ich allerdings einen sehr hohen Drang nach Perfektionismus. Dieser treibt mich an und lässt mich relativ schnell Erfolge sehen. Wo andere schon zufrieden wären, werkel ich noch weiter. Ich kenne meine Grenzen, meine „Safe Points“ und wachse aber auch über sie hinaus. Mein Perfektionismus pusht mich also noch höhere Ziele zu erreichen. Er lässt mich lernen und verbessern. Und das relativ schnell. Bei Dingen, die ich erreichen möchte, habe ich eine enorme Disziplin und Willenskraft sowie Durchhaltevermögen um das zu erreichen, was ich möchte.

Doch wieso kann einem dieser Perfektionismus nun im Weg stehen? Es ist doch super, wenn alles „perfekt ist“. Wenn man das Ergebnis erzielt, was man sich wünscht und wenn man etwas vor sich hat, womit man komplett zufrieden ist…

Woran misst sich perfekt?

Und hier stelle ich erneut die Frage: woran bemisst sich „perfekt“? Erreicht man selber eigentlich jemals einen solchen Zustand? Oder schließt sich dies aus mit dem inneren Drang „besser“ zu werden? Denn nur wenn ich erkenne, was noch ausbaufähig ist, kann ich mich verbessern – und wenn noch „Luft nach oben“ ist, dann kann es ja nicht perfekt sein?!
Kann ich dann überhaupt jemals einen Zustand von „perfekt“ erreichen?

Stolperfalle: Perfektionismus

Diese Gedankenkreise sind genau die Stolpersteine, weswegen mich mein Perfektionismus manchmal verrückt werden lässt. Denn angenommen ich weiß im Vorfeld, dass ich ein „Projekt“ nicht perfekt hinbekommen werde, lasse ich es lieber ganz sein. Oder aber ich brauche Stunden (obwohl in ein paar Minuten zu erledigen) um mit dem Ergebnis zufrieden zu sein.

Ein Beispiel ist zum Beispiel das filmen. Mit dem Medium Fotografie beschäftige ich mich nun fast 2/3 meines Lebens. Ich fühle mich sicher im Umgang mit der Technik, die ich für meine Zwecke benötige und komme in den meisten Fällen zu dem Ergebnis, was ich mir wünsche. Als Linus auf die Welt kam, habe ich natürlich zig Fotos gemacht – allerdings kein bewegtes Bild. Die Mittel habe ich hier in Form von 2 super Kameras. Die „Angst“, dass das Ergebnis nicht „perfekt“ werden würde, weil ich mich noch nie mit der Thematik „filmen“ und deren Technik auseinander gesetzt hatte, führte schlussendlich dazu, dass ich mich gar nicht erst an das Thema gewagt habe… Das amüsante ist, dass ich in unserem ersten Urlaub auf Rügen dann einfach den Kopf ausgeschaltet habe und es ausprobiert habe. Entstanden ist ein absolut umwerfender, emotionaler Film, der uns noch lange an diesen besonderen Ausflug zu Dritt erinnern wird. Ich saß stundenlang am Rechner und habe den Film geschnitten. Bis tief in die Nacht Szenen extrahiert, neu zusammengestellt, Musik eingebunden und alles aufeinaneinander zugeschnitten. Hier half mein Perfektionismus wieder („egal wie lang ich sitze, ich mache das jetzt fertig“) – obwohl er mich zu Anfang blockiert hat. Heute bin ich unfassbar traurig, dass es von den ersten Wochen mit Linus keine bewegten Bilder gibt (außer Handyvideos) und könnte mich für meinen Perfektionismus in den Hintern beißen!

Perfektionismus definiert sich über die eigenen Ansprüche

Gerade in einem vollgepackten Alltag (und jetzt mit Kind) steht mir diese Charaktereigenschaft ebenso sehr oft im Weg. Nicht, dass es anderen Leuten auffällt – im Gegenteil: für die ist mein „noch nicht gut genug“ gar nicht erkennbar. Sie sehen den „Ist“-Zustand und sind zufrieden; ich aber sehe den „Das soll mal so werden“-Zustand und bin unzufrieden. Details sind vielleicht noch nicht so, wie ich sie mir wünsche; anderen fallen diese Details aber gar nicht auf, da sie das „große Ganze“ betrachten.

Da Perfektionismus also immer an die eigenen Ansprüche gekoppelt ist, ist die Folge von zu hohen und zu vielen Ansprüchen an sich selbst genau das Problem, weswegen man selber so oft nicht zufrieden ist. Der Anspruch allem gerecht zu werden (in meinem Fall: Linus, Familie, Haushalt, Job und eigene Bedürfnisse) ist logischerweise so an einem Tag gar nicht umsetzbar. Ich kann nicht parallel alles perfekt machen!

Vor allem seitdem ich Mama bin, merke ich, dass ich daran arbeiten muss, diesen Perfektionismus ab und an abzustellen. Denn es geht eben nicht alles gleichzeitig. Ich kann mich nicht mehr immer in Details verlieren. Manchmal muss es eben „oberflächig“ bleiben. Und das ist auch okay!

Und genau so ist nun dieser Blogbeitrag entstanden während Linus seinen Mittagsschlaf hält, anstatt im Erdgeschoss sauber zu machen….

Es ist unfassbar schwer diesen Vorsatz immer umzusetzen. An manchen Tagen gelingt es mir mehr, an manchen Tagen weniger. Es ist ein Weg den ich lernen muss zu „perfektionieren“ 😉